Teil 6 der Serie „KI für Ingenieure"
Lesezeit: ~7 Minuten Zielgruppe: Konstrukteure, Kalkulanten, Vertriebsingenieure, Geschäftsführer Takeaway: Kostenkalkulations-Prompt + Excel-Vorlage
Das Dilemma der Angebotskalkulation
Du bekommst eine Anfrage. Zeichnung liegt vor — aber keine Zeit für eine detaillierte Kalkulation. Also schätzt du:
- Material: „Vielleicht 80 €"
- Fertigung: „So 2-3 Stunden Fräsen"
- Gemeinkosten: 🤷
Resultat: Das Angebot ist entweder zu teuer (Auftrag weg) oder zu günstig (Auftrag da, aber ohne Gewinn).
Präzise Kalkulation ist scheinbar trivial — in der Praxis aber hochkomplex:
Material + Fertigung + Gemeinkosten + Gewinn
Werkstoff? Rüsten? MKW-Satz? Welche Marge?
Normteile? Arbeitsgänge? Verwaltung? Skonto?
Zukaufteile? Maschinenstunden? Vertrieb? Mengenrabatt?
KI kann hier Sekundenarbeit leisten — wenn sie die richtigen Daten bekommt.
Die Kostenarten im Überblick
Vollständige Kalkulation = Summe aus 6 Kostenblöcken:
| Block | Bestandteile | Typischer Anteil |
|---|---|---|
| 1. Material | Rohteil, Verschnitt, Zukaufteile, Normteile | 25-35% |
| 2. Fertigung | Rüsten, Fertigen, Prüfen, Nachbearbeitung | 30-45% |
| 3. Sondereinzelkosten | Werkzeug, Beschichtung, Sonderprüfung | 5-15% |
| 4. Gemeinkosten | MKW, FGK, VVGK (Zuschläge) | 15-25% |
| 5. Verpackung + Transport | Versand, Verpackungsmaterial | 2-5% |
| 6. Gewinn | + Risikozuschlag | 5-15% |
Wichtig für KI: Je präziser du die Ausgangsdaten (Material, Arbeitsgänge, Stundensätze) angibst, desto genauer wird die Schätzung.
Prompt-Template: Komplette Angebotskalkulation
Du bist ein erfahrener Kalkulant im [MASCHINENBAU / ANLAGENBAU / SONSTIGE BRANCHE].
Ich erstelle ein Angebot für ein Fertigungsteil. Berechne eine detaillierte Vorkalkulation.
AUFTRAGSDATEN:
- Kunde: [NAME]
- Angebotsnummer: [NR.]
- Stückzahl: [STK]
- Termin: [TERMIN] (Normal / Eil)
- Losgröße: [EINMALIG / RAHMENAUFTRAG / SERIE]
BAUTEIL:
- Benennung: [KURZBESCHREIBUNG]
- Zeichnungsnummer: [NR.]
- Werkstoff: [MATERIAL + NORM, z.B. 1.4301]
- Rohteil: [ABMESSUNGEN ROH, z.B. 200x150x40 mm]
- Fertigteil: [ABMESSUNGEN, z.B. 180x130x35 mm]
- Oberfläche: [UNBEHANDELT / LACKIERT / PASSIVIERT / GESCHLIFFEN]
- Gewicht (roh): [KG]
- Gewicht (fertig): [KG]
FERTIGUNG:
1. Arbeitsschritte (z.B. "CNC-Fräsen 3-Achs", "Drehen", "Bohren")
2. Jeder Schritt mit geschätzter Rüstzeit und Fertigungszeit
3. Komplexität: [NIEDRIG / MITTEL / HOCH]
KOSTENGRUNDLAGEN:
- Material: [MATERIALPREIS PRO KG IN €]
- CNC-Stundensatz: [€/h, inkl. Maschine + Bediener]
- MWK-Satz: [%] (Materialgemeinkosten)
- FGK-Satz: [%] (Fertigungsgemeinkosten)
- VVGK-Satz: [%] (Verwaltungs- + Vertriebsgemeinkosten)
- Gewinnzuschlag: [%]
- Skonto: [%] (3% bei Zahlung innerhalb 14 Tage)
- Verpackung: [€ PRO EINHEIT]
- Transport: [€ PAUSCHAL]
BERECHNE FOLGENDE TABELLE:
1. Materialkosten
- Rohteil (kg x Preis) = X €
- Verschnitt (%-Zuschlag) = Y €
- Normteile / Zukaufteile = Z €
- Zwischensumme Material = X + Y + Z €
+ MWK (%) = ...
= MATERIALKOSTEN GESAMT = M €
2. Fertigungskosten (pro Arbeitsgang)
- AG 1: [BEZEICHNUNG] | Rüsten X min | Fertigen X min | Satz X €/h | Betrag X €
- AG 2: ...
- Zwischensumme Fertigung = F €
+ FGK (%) = ...
= FERTIGUNGSKOSTEN GESAMT = G €
3. Sondereinzelkosten
- Werkzeug: X €
- Beschichtung: X €
- Prüfung: X €
= SEKF €
4. Herstellkosten = M + G + SEKF = H €
5. Verwaltungs- + Vertriebskosten
+ VVGK (%) = ...
= V €
6. Selbstkosten = H + V = S €
7. Gewinn + Wagnis (%) = W €
8. Verpackung + Transport = VT €
9. ANGEBOTSPREIS NETTO = S + W + VT = P € PRO STÜCK
(aufgerundet auf volle 5 €)
10. ANGEBOTSPREIS GESAMT = P x Stückzahl = €
11. ZAHLUNGSZIEL: 14 Tage - 3% Skonto, 30 Tage netto
Gib die Kalkulation als strukturierte Liste aus.
Kommentiere: Welcher Kostenblock hat den größten Hebel?
Fallbeispiel: Drehteil aus 1.4301
Ausgangsdaten:
- Drehteil, Ø60 x 120 mm, aus Edelstahl 1.4301
- Rohteil: Ø65 x 125 mm → 3,2 kg
- Fertigteil: Ø60 h7 x 118 mm → 2,1 kg
- Stückzahl: 50 Stück
- 3 Arbeitsgänge: Drehen (CNC), Gewinde schneiden M16, Entgraten
KI-Kalkulation (Ergebnis gekürzt):
=== ANGEBOTSKALKULATION ===
1. MATERIALKOSTEN
Rohteil: 3,2 kg x 3,80 €/kg = 12,16 €
Verschnitt: 8% = 0,97 €
Zwischensumme Material: = 13,13 €
+ MWK (8%): = 1,05 €
= MATERIALKOSTEN: = 14,18 €
2. FERTIGUNGSKOSTEN
AG 1 CNC-Drehen:
Rüsten: 30 min x 65 €/h → 32,50 €
Fertigen: 8 min/Stk x 65 €/h → 8,67 €/Stk
AG 2 Gewinde:
Fertigen: 3 min/Stk x 55 €/h → 2,75 €/Stk
AG 3 Entgraten:
Fertigen: 2 min/Stk x 45 €/h → 1,50 €/Stk
Zwischensumme Fertigung: = 12,92 €/Stk
+ FGK (25%): = 3,23 €
= FERTIGUNGSKOSTEN: = 16,15 €
3. SONDEREINZELKOSTEN
Gewindebohrer M16: 0,40 €/Stk
Prüflehre Ø60h7: 0,25 €/Stk
= SEKF: = 0,65 €
4. HERSTELLKOSTEN (14,18 + 16,15 + 0,65): = 30,98 €
5. VVGK (12%): = 3,72 €
6. SELBSTKOSTEN (30,98 + 3,72): = 34,70 €
7. GEWINN (12%): = 4,16 €
8. VERPACKUNG + TRANSPORT: = 1,50 €
9. ANGEBOTSPREIS PRO STÜCK: = 40,36 €
→ GERUNDET: 45,00 €
10. GESAMTPREIS (50 Stk): = 2.250,00 €
11. ZAHLUNGSZIEL: 14 Tage - 3% = 2.182,50 €
=== KOMMENTAR ===
Größter Hebel: Fertigungskosten (46% des Preises).
Eine Reduktion der Drehzeit von 8 auf 6 min/Stk spart 650 € auf 50 Stk.
→ Prüfe: Schnellere Schnittgeschwindigkeit möglich?
Präzision: Bei gut gepflegten Stundensätzen und Materialpreisen liegt die KI-Kalkulation innerhalb von ±5% der tatsächlichen Kosten. Ohne diese Daten → ±20% (Richtwert, nicht verbindlich).
Prompt-Template: Alternativ-Vergleich
Für Kunden, die zwischen mehreren Varianten wählen:
Vergleiche die Kosten von drei Fertigungsvarianten:
BAUTEIL: [BESCHREIBUNG]
VARIANTE A: [CNC-Fräsen aus Vollmaterial]
- Material: [MATERIAL, ABMESSUNGEN]
- Fertigung: [ARBEITSSCHRITTE]
- Rüstzeit: X min | Fertigungszeit: X min
- Werkzeugkosten: X €
VARIANTE B: [3D-Druck (FDM/SLS)]
- Material: [MATERIAL]
- Druckzeit: X h
- Nachbearbeitung: [ART + ZEIT]
VARIANTE C: [Guss + Nachbearbeitung]
- Gussteil: X €/Stk (ab 50 Stk)
- Nachbearbeitung: [ARBEITSSCHRITTE]
Erstelle eine Vergleichstabelle mit:
- Kosten pro Stück (Einmalig / 10 / 50 / 100 / 500 Stück)
- Rüstkosten (einmalig)
- Lieferzeit pro Variante
- Amortisationspunkt (ab welcher Stückzahl lohnt sich welche Variante?)
- Empfehlung mit Begründung
Datenbasis pflegen: Materialpreise + Stundensätze
Die KI kann nur so gut kalkulieren, wie die Daten sind, die du ihr gibst. Pflege diese Tabelle und füge sie jedem Kalkulations-Prompt bei:
=== MEINE KOSTENGRUNDLAGEN (MASCHINENBAU) ===
MATERIALPREISE (Stand: [DATUM]):
- S235JR: 1,20 €/kg
- S355J2: 1,50 €/kg
- 1.4301 (Edelstahl): 3,80 €/kg
- 1.4571: 5,20 €/kg
- AlMg3 (3.3535): 2,80 €/kg
- PA6 (Guss): 12,50 €/kg
MASCHINENSTUNDENSÄTZE (INKL. BEDIENER):
- CNC-Fräse 3-Achs (DMG): 65 €/h
- CNC-Fräse 5-Achs (Hermle): 95 €/h
- CNC-Drehmaschine: 60 €/h
- Konventionelle Drehmaschine: 45 €/h
- 3D-Drucker (FDM): 5 €/h
- 3D-Drucker (SLS): 25 €/h
GEMEINKOSTENZUSCHLÄGE:
- MWK (Material): 8%
- FGK (Fertigung): 25%
- VVGK: 12%
- Gewinn: 12%
> 💡 Tipp: Speichere diesen Block als separate Datei (kostengrundlagen.md) und füge ihn per Copy-Paste jedem Prompt hinzu.
Integration in die Nachkalkulation
Der wahre Wert liegt im Soll-Ist-Vergleich:
Ich habe ein Bauteil kalkuliert und gefertigt. Vergleiche:
VORKALKULATION:
[ERGEBNIS AUS PROMPT #1]
NACHKALKULATION (tatsächliche Werte):
- Tatsächliche Materialkosten: X €
- Tatsächliche Fertigungszeit: X min (statt kalkulierter X min)
- Tatsächliche Rüstzeit: X min
- Tatsächliche Sondereinzelkosten: X €
Analysiere:
1. Wo sind die größten Abweichungen (>5%)?
2. Warum? (Material teurer? Fertigung langsamer?)
3. Welche Konsequenz für zukünftige Kalkulationen?
- Korrektur der Zeitvorgaben?
- Korrektur der Stundensätze?
- Bessere Angebotsprüfung?
Ergebnis: Nach 5-10 Nachkalkulationen wird die KI immer präziser, weil du ihr kontinuierlich Feedback gibst.
Enthält allein 15 ausgearbeitete Prompts zur Kostenschätzung — Positionskosten, Kategorien-Rollup, Margenanalyse, Was-wäre-wenn und Mengenrabatte — dazu ein Python-Skript und Vorlagen. Hinweis: die Inhalte sind auf Englisch.
Fazit
Angebotskalkulation mit KI ist kein Ersatz für kaufmännisches Wissen — aber ein Turboboost für den Prozess:
- Erstkalkulation: Rohdaten rein → fertige Kalkulation in 2 Minuten
- Alternativ-Vergleich: 3 Varianten gleichzeitig durchrechnen
- Soll-Ist: Nach der Fertigung auswerten und beim nächsten Mal besser kalkulieren
Die Formel: Gute Stundensätze + präzise Eingangsdaten + KI = verlässliche Kalkulation in Minuten statt Stunden.
Nächste Woche: Teil 7 — „Excel war gestern: Wie du mit KI Excel-Tabellen automatisierst"
Teil 6 der Serie „KI für Ingenieure"
Kalkulierst du schon mit KI? Welche Kostenblöcke sind bei dir am schwierigsten zu schätzen? Schreib's in die Kommentare!
Die Serie „KI für Ingenieure“
- Teil 1: KI-Prompts für Ingenieure richtig schreiben
- Teil 2: Stückliste aus dem CAD-Export mit ChatGPT erstellen
- Teil 3: FreeCAD-Makro mit KI erstellen
- Teil 4: 3D-Druck-Profile mit KI optimieren
- Teil 5: CE-Dokumentation mit KI vorbereiten
- Teil 6: Angebotskalkulation mit KI — du liest ihn gerade
- Teil 7: Excel automatisieren mit KI
- Teil 8: Der komplette KI-Workflow — vom Auftrag zur Fertigung